Das Material macht den Unterschied

Einleitung

Messer und die zugehörigen Stähle sind so vielseitig wie ihre Besitzer. Der Anspruch an ein Messer bestimmt dabei häufig, welcher Stahl verwendet wird. Ein Rasiermesser hat aufgrund seiner Schneidenform und seines Einsatzgebietes eine andere Zusammensetzung als das Messer eines Fleischers. Glücklicherweise haben wir einen guten Jagdfreund und Revier-Nachbarn, dessen genaue Vorstellung inklusive seines Werdegangs einen eigenen Artikel erfordern würde. Aus diesem Grund halten wir die Vorstellung kurz.

Ein ausgesprochener Fachmann und eine Koryphäe auf seinem Gebiet

Prof. Dr. Michael Pohl ist der Leiter des Lehrstuhls für Werkstoffprüfung an der Ruhr-Universität in Bochum. In dieser Funktion hält er nicht nur spannende Vorlesungen, sondern klärt mit seinem Institut auch Schadensfälle rund um das Thema Werkstoff. Bricht irgendwo eine Schiffswelle oder platzt in Berlin ein Aquarium, klingelt bei ihm das Telefon. Sein absolutes Spezialgebiet ist die Wasserstoffversprödung von Stählen. Wir hatten das Glück, ein kleines Interview zum Thema Werkstoff mit ihm zu führen und haben uns sehr gefreut, dass er sich die Zeit für uns genommen hat.

HeinzKnives:
Hallo Michael und vielen Dank, dass du dir in der stressigen Drückjagdsaison Zeit für uns genommen hast. Als Jäger hast auch du sicher einige Messer im Gebrauch. Wie erkenne ich denn ein gutes Messer im Hinblick auf das Material?

Michael Pohl:
Es gibt rd. 2500 genormte Stahlwerkstoffe. Die Auswahl für Messerstähle ist riesig und das ist spannend. Ästhetik und Funktionalität haben beim Nutzer unterschiedliches Gewicht bei der Entscheidung.

HeinzKnives:
Muss der Hersteller die Legierung seiner Stähle in der “Bedienungsanleitung” nachweisen oder gibt es eigentlich keine Möglichkeit, die einzelnen Bestandteile der Klinge zu erkennen?

Michael Pohl:

Auf der Messerklinge findet sich meist neben dem Herstellernamen auch eine Werkstoff- bezeichnung. Dies kann eine fünfstellige Werkstoffnummer, eine Kurzbezeichnung aus einer der vielen nationalen oder internationalen Normen oder auch ein Produktname sein. Das ist zwar sehr unübersichtlich, lässt sich aber über Internetrecherche leicht herausfinden. Die Regelwerke enthalten dann exakte Angaben über die Legierungsbestandteile und die Wärmebehandlung, mit der das optimale Stahlgefüge eingestellt wird.

HeinzKnives:
Suchst du deine Messer mit Blick auf das Material aus oder steht bei dir das Aussehen und die Form im Vordergrund?

Michael Pohl:
Zur Gebrauchstüchtigkeit eines Messers gehört für mich neben der Schneidhaltigkeit auch die Korrosionsbeständigkeit. Das sind leider zwei Anforderungen, die schwer zu kombinieren sind, darauf kommen wir noch zurück.
Zur Freude an diesem bei der Jagd wichtigen Begleiter gehört natürlich auch das Aussehen durch erkennbar gute Handarbeit. Zwar gibt es keinen technologischen Grund mehr für die Verwendung von Damast-Stählen, aber sie sind sichtbarer Ausdruck hoher Schmiedekunst. Es ist eine große Freude, ein Messer zu haben, das aus der Zusammenarbeit eines Werk- stoff-Fachmannes mit einem Damastschmied entstand.

HeinzKnives:
Wir haben uns ja viel mit Messern und dem Schleifen von Klingen beschäftigt. Würdest du sagen, dass unsere Schleifsteine in Kombination mit dem Abziehleder für alle Messer geeignet sind und ein gutes Ergebnis liefern, was die Schärfe und Schnitthaltigkeit betrifft?

Michael Pohl:
Die Kombination von abtragendem Schleifen und glättendem Polieren sind seit jeher die Präparationsschritte bei metallographischen Untersuchungsmethoden. So ist es richtig, ebenso bei der Präparation einer scharfen Schneide vorzugehen.
Das trifft gleichermaßen auf die „schwarzen“ wie die „silbernen“ Stähle zu.
In der Siegfriedsage wird beschrieben, wie ein Schwert aus einfachem Kohlenstoffstahl martensitisch gehärtet und vergütet wird und wie anschließend der Schwertfeger die Klinge bearbeitet. Nach der thermischen Gefügeumwandlung des Stahls in Martensit ist das Werkstoffgefüge extrem hart und fein strukturiert. Möchte man eine solche Klinge aus nichtrostendem Stahl machen, so sind die 1912 von Krupp in Essen zum Patent angemeldeten V2A-Stähle („Versuchsschmelze 2 Austenit“)
 

dafür völlig ungeeignet. Dieser Austenit ist nicht härtbar. Es bedurfte der Entwicklung martensitischer Chromstähle. Das Chrom, das die Oberfläche gegen Korrosionsangriff passiviert, hat aber auch die Eigenschaft, sich mit dem Kohlenstoff des Stahls zu verbinden und Karbid-Ausscheidungen zu bilden, die sich keramisch spröde verhalten. Gerade an einer sehr feinen Schneide führt das zu mikroskopisch kleinen Ausbrüchen. Aus der Schneide wird also eine „Säge“. Puristen gruselt es bei dem Gedanken, ich sehe das entspannt, solche Schneiden sind sehr schnittig.

HeinzKnives:
Hast du noch einen ganz besonderen Tipp für unsere Jungjäger, was die Auswahl eines guten Messers betrifft?

Michael Pohl:
Ich habe Freude daran, den Umgang der Jäger mit ihren Messern zu beobachten und aus der Erfahrung zu lernen. Der eine bricht den Lebenskeiler mit seinem Klappmesserchen auf, der andere rückt mit der „Machete“ an.
Aber: Das Werkzeug muss gepflegt werden. Scharf muss es sein.

Lieber Michael, vielen Dank für das spannende und lehrreiche Interview. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute, viel Gesundheit und viel Waidmannsheil auf allen Wegen. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Bockjagd im kommenden Mai.

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